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EGOIST

Ich bin manisch. Ich bin depressiv. Es wechselt. Stündlich. Man kann die Uhr danach stellen. Ich hasse es. Ich bin suizidal und weiß, dass ich es nicht bin. Ich bin euphorisch und weiß, dass ich es nicht bin. Ich bin nichts. Kann die Gefühle nicht aufsaugen und nicht festhalten. Wie ein Tunnel, durch den sie hindurchjagen.

 

Die Frage, die ich mir stelle, ist, warum ich so bin. Es ist mein natürlicher Zustand ohne Medikamente. Wenn ich Tabletten nehme, wird es besser. Wenn ich trinke, wird es besser. Aber es wird nicht besser, wenn ich einfach lebe.

Manche Menschen sind wohl nicht dazu gemacht, zu fühlen.

Es ist eher so, dass sie dazu gemacht sind, von fremden Gefühlen beherrscht zu werden.

Aber…was haben diese Gefühle davon?

Hat überhaupt irgendwer etwas davon?

Die Evolution….vielleicht.

Ich will Sex, wenn es mir schlecht geht und wenn es mir gut geht.

(Definieren wir für den Moment manisch als gut und depressiv als schlecht).

Fortpflanzen würde ich mich also, wären da nicht diese furchtbaren Gummilappen dazwischen.

 

Aber… hat die Evolution etwas davon, wenn sich kaputte Individuen fortpflanzen?

Ich meine..ich tue es ja nicht.

Ist das der Beweis, dass ich ein Abfallprodukt bin? Ein Abfallprodukt des Gottes der Evolution?

Spannender Gedanke.

Aber beängstigend.

 

Und wenn ich das nicht bin, ein Abfallprodukt, wenn es okay ist, dass ich Medikamente nehme und dann funktioniere… ist es dann nicht das Medikament, das für mich funktioniert?

Bin ich die Droge?

So wie ich ohne die Droge das Gefühl bin, das von außen kommt?

 

Mit geht das ICH verloren. Wie so oft schon.

Ob jetzt Fluoxetin mein ich ist oder Seroquel oder eine andere Person oder Sex oder Alkohol oder Tabletten oder Selbstverletzung oder der Eiffelturm.

ICH bin nicht ich.

Und das war ich wohl auch nie.

 

Genau genommen macht mich das frei.

Es ist kein schlechtes Gefühl, ich fühle nicht. Dauert noch eine Viertelstunde, bis ich wieder fühle.

Ich bin frei, ein ICH zu wählen.

MICH zu konstruieren.

Wie war das? Der Mensch ist seine Existenz.

Ich hasse diesen Satz, seit ich ihn das erste Mal gehört habe.

Ich will mehr sein.

Aber ich bin weniger.

Ich bin nur meine Existenz in der jetzigen Sekunde, nur bis zum nächsten Wimpernschlag.

Und nicht mal das.

Nicht mal das kann ich immer sein.

Manchmal bin ICH nicht.

Nicht mal das.

Wie oft habe ich mir in mein Bein geschnitten, getrunken oder Schmerztabletten genommen, um zu sein?

Weil ich fühlen wollte, dass ich lebe.

Mein Körper lebt.

So viel habe ich verstanden.

ES atmet.

ES blutet.

ES ist.

Aber ICH… ICH gehört nicht dazu.

ICH ist frei wählbar, wie eine Maske, die ich wechseln kann…

Oder wie ein Bündel zu oft getragener Unterwäsche-

Eine Waschmaschine gibt es nicht.

Und wenn ich in MICH hineinhöre…Dann ist da doch etwas.

Da ist ein ICH.

Es existiert.

Da, in der Ecke, in einer kleinen Ecke in meinem Hirn, meinem Herzen und meinen Gedärmen, da gibt es ein ICH.

Es ist blutverschmiert und furchtbar verkrüppelt.

Es hat noch nie die Sonne gesehen.

Es schreit.

Ein unerträglicher Schrei, der von keinem gesunden ICH auszuhalten ist.

ICH habe noch nie die Sonne gesehen. Bin blutverschmiert. Furchtbar verkrüppelt und schreiend in meinem Inneren.

Ein Tier würde man einschläfern.

Aber was, was um alles in der Welt, bleibt übrig, wenn man sein ICH tötet, selbst wenn es noch sehr um Erlösung fleht?

7.1.13 00:57
 


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